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Like mich am Arsch! Du bist der Rassist! Und du! Und ich sowieso!

Nachdem nun Ukraine-Fast-Welkriegs-Krise und die Finanz-Supergau-Griechenland-Krise heil überstanden worden sind, sind wir mitten drin in der sog. Flüchtlingskrise. Mehr als 25.000 Flüchtende sind seit 2000 an den europäischen Außengrenzen gestorben, aber seit ein paar Monaten hat dieses Thema eine neue Qualität erreicht, es bekommt Aufmerksamkeit. Über 300 Angriffe auf Flüchtende und deren Unterkünfte seit Beginn 2015, Heidenau und alles, ihr wisst Bescheid, aufgeklärt von den Medien.

Auf facebook werden in den letzten Tagen und Wochen immer neue Filmchen gepostet, in denen sich Joko und Klaas, oder Til Schweiger, oder Herr Kalkofe, oder sonstwer mit deutlichen Worten gegen die Unmenschlichkeit und gegen die Unmenschen positioniert. Die Nazis seien menschenverachtende Idioten, Ewiggestrige, sozial Schwache, die sich noch Schwächere suchen und aus deren Erniedrigung einen perversen Lustgewinn ziehen, undosweiterundsofort. Natürlich freue ich mich, dass so viele meiner facebook-Kontakte diese Filme posten oder liken oder beides.

Aber eine einfache Wahrheit darf dabei nicht in Vergessenheit geraten: Wir sind alle Rassisten und Rassistinnen. Ich, du, deine Mutter, der türkische Nachbar und der afrikanische Dealer im Park, wir sind alle Rassisten, nur sind wir unterschiedlich von Rassismus betroffen. Ist so, bin ich fest von überzeugt, Gutmensch.

Spinnt der? Weiß er denn nicht, dass wir in einer Gesellschaft leben, die rassistisch ist. Deutschland hat doch seit je her rassistische Regierungen, spätestens aber seit den Änderungen des Grundgesetzes und des Asylverfahrensgesetzes 1993. Kohl und die SPD haben das damals »Asylkompromiss« genannt, das Schlagwort damals war auch schon Asylmissbrauch. Konsequenz: Immer weniger Asylfälle wurden und werden seitdem anerkannt, das Grundrecht auf Asyl wurde abgeschafft. Und nun ertrinken immer und immer mehr Flüchtende, und Frau von der Leyen und ihre Kollegen in Europa streben eine militärische bzw. polizeiliche Lösung an, erstaunlich blind für die Ursachen der Flucht. Es kann doch keine Frage sein, dass das rassistisch genannt werden muss. Das ist doch alles rassistisch, struktureller Rassismus, oder etwa nicht? Erdacht und umgesetzt von Politikern, die aus Rassismus politisches, vor allem populistisches Kapital schlagen. Und wieso soll der Dealer Rassist sein? Ist der nicht Opfer?

Doch, das stimmt alles. Aber die erclickte Distanzierung von rassistischen Politiken und Handlungen, ebenso wie die ja wohl selbstverständliche Distanzierung von organisierten Nazis und deren Kampfbrüdern und -schwestern von Pegida und Co., ändert nichts daran, dass wir alle Rassisten sind. Ein paar Anhaltspunkte? Nun, wir können ja mal zusammenzählen, wie viele Menschen aus anderen Ländern unsere guten Freunde sind, und ich meine nicht die aus »dem Westen«; oder wir können uns mal erzählen, wie wir im Jahr 2013 mit der Nachricht umgegangen sind, als ProAsyl bereits verkündete, dass seit 2000 über 23.000 Menschen an den europäischen Außengrenzen gestorben sind; oder wir können uns ja mal versuchen zu erinnern, wann wir das letzte Mal eingeschritten sind, als die Polizei mal wieder nur die Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe kontrolliert hat, die Busfahrerin sich über die dreckigen und lärmenden Türkenkinder aufregt, halb Deutschland,  fast ohne Widerspruch, sich einig ist, dass die Griechen halt faule Südländer mit unerhört hohen Pensionen und Renten sind, die Moslems doch ihre Frauen unterdrücken und sowieso im Mittelalter leben; oder wir können uns mal fragen, warum wir uns noch nie gefragt haben, ob wir selbst nicht eigentlich auch Rassisten sein könnten… Naja, unterm Strich kommen wir da auf nicht so viel, wie?

Irgendwelche Clips von irgendwelchen Richtige-Haltungs-Lautsprechern zu liken, das ist noch nicht mal der Anfang einer Veränderung der Gesellschaft zum Besseren. Faktisch ändern sich da nur ein paar Daten auf den Servern von facebook, immerhin. Wir sind alle in rassistischen Verhältnissen aufgewachsen und erzogen worden; wir sehen in den „Tätern“ das Böse und in den „Opfern“ das Gute; wir machen das aus der sicheren Distanz des Internets, aber wir merken nicht, dass das fürchterliche Vereinfachungen sind; wir interessieren uns immer für das, was gerade so Thema ist, gesunde Babynahrung, Klimawandel, Irak-Krieg, oder bescheuerte Mini-Gewerkschaften, die uns nicht Bahn fahren lassen wollen… Nun eben Rassismus. Aber die Tatsache, dass wir alle dabei mitmachen, es mittragen, es nicht verhindern, dass unsere Gesellschaft rassistisch ist (und sexistisch, und klassistisch, und anti-semitisch, und antiziganistisch, und ableistisch, und lookistisch, und militaristisch, und…), lässt nur einen Schluss zu: eben. Wir sinds.

Und das genau heißt es, in einer rassistischen Gesellschaft zu leben: nämlich dass wir alle, und nicht nur der rechte Pöbel, Rassisten sind.  Wir, du und ich, stellen Rassismus als gesellschaftliches Macht- und Gewaltverhältnis her, mal aktiv, mal passiv. Es gehört zu den Essentials der Rassismusforschung, dass es uns, das vermeintliche Kollektiv der weißen Normalbürger_innen, nur geben kann, weil wir »die Anderen« als Andere erfinden und dann diskriminieren, ausschließen, oder vernichten. »Othering« sagt die Fachfrau dazu. Dabei ist es ganz egal, ob »die Anderen« aus biologischen, kulturellen, sozialen, religiösen oder sonstwelchen Gründen abgewertet und angesichts »unseres Standes der Zivilisiertheit« als minderwertig oder rückständig erklärt werden. Diese Begründungsmuster zeigen lediglich, wie Macht und Wissen miteinander verschränkt sind, um unsere Vormachtstellung in der Welt zu sichern. Überhaupt von »Menschenrassen« zu sprechen ist nicht etwa eine Erfindung der Nazis, oder eine der Sozialdarwinisten des 19. Jahrhunderts, sondern bildet eine historische Kontinuität der Unterdrückung, die von den Ursprüngen des Kolonialismus bis zum heutigen Tag andauert.

Sich mit der eigenen Rolle in diesen Kontexten zu beschäftigen, sich seiner „weißen Privilegien“ kritisch bewusst zu werden und so vielleicht Verantwortung für die Reproduktion von Diskriminierung und Gewalt übernehmen zu können, ist eine unangenehme Sache, politisch, sozial, aber auch persönlich. Sie erfordert Ehrlichkeit sowie die Stärke, die eigenen Schwächen und Dummheiten zu benennen, sie im persönlichen Umfeld zu kommunizieren, und gemeinsam mit anderen neue Verhaltensweisen zu erlernen. Es ist schwer, die politischen und sozialen Gründe zu sehen, und nicht der Versuchung der vorschnellen Ethnisierung nachzugeben, eben weil wir die rassistische Brille auf der Nase schon gar nicht mehr merken. Oder wir können einfach mal zuzuhören, und zwar denen, über die wir immer reden, aber, selten bis nie, mit ihnen. Und es ist eine Aufgabe, die einen das ganze Leben beschäftigen wird, wenn man es ernst meint.

Diese Art von kritischer Selbsthinterfragung ist ein wesentlicher Schritt um konkret etwas anders zu machen, um individuelle und kollektive Handlungsfähigkeit zu erlangen, und um herauszufinden, was einer emanzipatorischeren Einrichtung unserer Gesellschaft zuträglich ist, und wer warum etwas dagegen hat.


Links:

http://www.bpb.de/apuz/180854/rassismus-nicht-beim-namen-nennen

http://www.bpb.de/dialog/194569/offensichtlich-und-zugedeckt-alltagsrassismus-in-deutschland

http://www.ari-berlin.org/

http://www.zag-berlin.de/

1 Kommentar

  1. Gut gebrüllt.
    Wir sinds. Eben.
    Wer es noch nicht bemerkt hat, muss noch weit wandern.
    Damit müssen wir arbeiten.

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